Wird der Rhein etwa zur linguistischen Grenze für Dialekte?

In einer Studie widmen deutsche und französische Forschenden ihr Interesse der Weiterentwicklung des badischen und des elsässischen Dialekts. Erste Ergebnisse zeigen, dass der Rhein, nachdem er ursprünglich eine politische Grenze war, dabei ist, eine sprachliche Grenze zu werden.

Als die Alemannen den zugefrorenen Rhein um das 5. Jahrhundert herum überquerten und sich auf der anderen Seite des Flusses niederließen, schufen sie einen gemeinsamen linguistischen Raum, in dem man alemannische Dialekte spricht. Paradoxerweise wurde der Rhein noch nie so leicht überquert wie heute, die badischen und elsässischen Dialektsprechenden scheinen jedoch ihre sprachliche Nähe nicht wahrzunehmen. Noch erstaunlicher: Die Dialekte des Elsass’ und Baden-Württembergs folgen verschiedenen Entwicklungen. Das zeigt jedenfalls eine erste deutsch-französische Studie, an der Pascale Erhart, Dozentin an der Unistra und Leiterin des Département de dialectologie alsacienne et mosellane, beteiligt ist.

„Thema des Forschungsprojekts“, erklärt sie, „ist es, zu verstehen, wie der Rhein als Landesgrenze diesen gemeinsamen Raum trennt. Tatsächlich verschwinden die lokalen Dialektcharakteristika gerade unter dem Druck nationaler Standards.“

Während einer Feldstudie, die von 2012 bis 2014 durchgeführt wurde, haben Pascale Erhart und ihre Kollegen der Unistra und der Universität Freiburg Dialektsprechende interviewt, und sie sie eine große Anzahl an Sätzen aussprechen ließen. Auf diese Weise konnten sie die Entwicklung des Sprachgebrauchs messen.

„Manche dialektale Unterschiede verschwinden gerade, dazu kommt die Landesgrenze, die der Rhein darstellt.“

Dieser Zusammenhang mit der Grenze bildet das Herz der Studie, die „Linguistische Grenzen am Oberrhein“ heißt. Laut Pascale Erhart, „denken viele Elsässerinnen und Elsässer, dass man jenseits des Rheins nur Deutsch spricht. Und im Gegenzug gehen viele Badische davon aus, dass im Elsass nur Französisch gesprochen wird.“ Man muss dazu sagen, dass die Sprechenden seit den 1960er und 1970er Jahren immer mobiler geworden sind. Laut dem Office pour la langue et la Culture d’Alsace (OLCA)  hat sich die Anzahl der Dialektsprechenden gleichzeitig von 90,8% auf 43% reduziert.

Man könnte annehmen, dass mit der Öffnung des Schengenraums (1995) und dem Gebrauch einer gemeinsamen Währung (1999) die Homogenität des alemannischen Sprachraums gestärkt würde. Tatsächlich haben die Forschenden einen gegenteiligen Effekt beobachtet: Heute ist der Austausch zwischen Deutschland und Frankreich intensiver und einfacher denn je und dennoch muss man feststellen, dass die Dialekte nicht von dieser Öffnung profitieren.

„Es verhält sich tatsächlich so, als würde eine sprachliche Grenze die politische ablösen. Der Bezug zur Grenze ist sehr komplex geworden“, schließt Pascale Erhart.